Mangel an Veterinärmediziner:innen auf dem Land – Thema beim Leipziger Tierärztekongress
Präsident der Landestierärztekammer Thüringen, Dr. Lothar Hoffmann, im Interview
Besonders in ländlichen Gebieten mangelt es schon seit Jahren an Tierärzt:innen. Worin liegen die Ursachen? Was muss passieren, damit sich die Situation entschärft? Diese und andere Fragen beantwortet Dr. Lothar Hoffmann, Präsident der Landestierärztekammer Thüringen. Thüringen ist das Schirmherrenland des Leipziger Tierärztekongresses 2026. Das Berufspolitische Forum des Kongresses befasst sich mit dem Thema.
Herr Dr. Hoffmann, seit wann gibt es das Problem und worin sehen Sie die Ursachen?
Eine Untersuchung zu regionalen Defiziten in der tierärztlichen Versorgung liegt derzeit nur für Bayern vor. Diese umfasst mehr als 300 Seiten. Eine vergleichbar aufwendige Studie wurde für andere Tierärztekammern bislang nicht erarbeitet. Insofern sind landesspezifische Regionalschwerpunkte gegenwärtig nicht ermittelbar. Für die Beurteilung der perspektivischen Situation besteht die zusätzliche Schwierigkeit, dass die Entwicklung der Nutztierbestände nur sehr schwer absehbar ist. In Thüringen sind die Bestände zum Beispiel bei Rindern und Schafen deutlich rückläufig.
Hinzu kommt, dass die von einzelnen Tierärztinnen und Tierärzten betreuten Tierarten durch die Tierärztekammern unzureichend erfasst sind. Außerdem wird bei angestellten Tierärzt:innen diese Differenzierung bislang grundsätzlich nicht vorgenommen.
Wie könnte aus Ihrer Sicht der tierärztliche Beruf auf dem Land wieder attraktiver gestaltet werden?
Der tierärztliche Beruf ist interessant und zählt nach wie vor zu den beliebtesten Berufen. Vorrangig muss die Berufsausübung gesichert werden, also die tierärztlichen Tätigkeitsfelder. Das betrifft insbesondere die Nutztierhaltung, die durch die abnehmende Zahl gewerbsmäßiger Tierhaltungen unter Druck gerät.
Konkret bedeutet das, die Zukunftsfähigkeit der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu erhalten und zu fördern. Zusätzlich ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Attraktivität der beruflichen Tätigkeit im ländlichen Raum zu erhöhen. Dazu gehören Faktoren wie eine gute Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung sowie kulturelle und Freizeitangebote.
Das Berufspolitische Forum des Leipziger Tierärztekongresses befasst sich mit dem Thema. Worum genau wird es dabei gehen?
Unter dem Titel "Feld der Ideen – Praxismodelle für Gegenwart und Zukunft" beleuchten wir verschiedene Perspektiven. Thüringen ist im Januar 2026 Schirmherr des Kongresses, der gemeinsam von den sechs mitteldeutschen Tierärztekammern, der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig und der Leipziger Messe veranstaltet wird.
Im ersten Teil stellen sieben Tierärzt:innen ihre in den letzten Jahren umgesetzten Praxiskonzepte vor. Dabei geht es unter anderem um eine klassische Einzelpraxis auf dem Land, eine frauenfreundliche GmbH und ein kleines regionales Praxisnetz.
Im zweiten Teil diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Standesvertretungen sowie internationale Gäste über notwendige berufspolitische Maßnahmen. Die zentrale Frage lautet: Welche Rahmenbedingungen braucht ein freier Beruf, der zunehmend von Frauen geprägt wird? Mehr Freiraum oder gezielte Förderung?
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Trend, dass sich immer mehr junge Frauen für den Tierarztberuf entscheiden und der Tatsache, dass Veterinärmediziner:innen auf dem Land fehlen?
Möglicherweise besteht ein indirekter Zusammenhang: Wenn Tierärztinnen ihre private wie berufliche Zukunft gemeinsam mit einem Partner planen, müssen für beide Partner Arbeitsplätze auf dem Land gefunden werden. Wenn der Partner oder die Partnerin ebenfalls eine höhere (nicht-tierärztliche) Berufsqualifikation hat, ist diese Suche nach einen attraktiven Beschäftigungsangebot oftmals erheblich erschwert.
Weiterführende Links für Journalisten
Über den Leipziger Tierärztekongress und die vetexpo europe