7. bis 9. Juli 2022 Leipziger Tierärztekongress

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17.05.2022 Leipziger Tierärztekongress

Ethik-Kodex in der Praxis

Tierbehandlungen sind nach dem Ethik-Kodex stets am Wohl der Tiere auszurichten. Wie wird diese Forderung in den Tierarztpraxen umgesetzt? Von Wunschkaiserschnitt bis Schweigepflicht – mit welchen Herausforderungen sehen sich Veterinärmediziner konfrontiert? Ethische Grenzen bei tierärztlichen Behandlungen werden auf dem 11. Leipziger Tierärztekongress vom 7. bis 9. Juli 2022 diskutiert.

„Grundsätzlich stehen Tierärztinnen und Tierärzte bei fast allen Handlungen ihrer Berufsausübung in einem Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Tieres, den Wünschen der Halter und den möglichen Therapieoptionen. Mit fast jeder Behandlung sind ethische Fragen verbunden, die man abwägen und dann eine Entscheidung treffen muss“, unterstreicht Prof. Dr. Rainer Cermak, Professor für Ernährungsphysiologie am Veterinär-Physiologischen Institut der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Auf dem Leipziger Tierärztekongress hat er den Vorsitz der Vortragsveranstaltung „ Dürfen Tierärzte bei Missständen schweigen? “ inne.

Schweigepflicht im Spannungsfeld

Die tierärztliche Schweigepflicht sei einer der Schwerpunkte des Themenbereichs Ethik im Kongressprogramm, sagt Prof. Cermak. „Viele Tierhaltungen sind nicht so optimal, wie sie sein sollten. Trotzdem gibt es oft nicht genau den einen richtigen oder falschen Weg – wie häufig im Leben. Natürlich ist alles, was gegen das Tierschutzgesetz verstößt relevant. Aber verantwortlich für die Umsetzung sind die Tierärzte und Amtstierärzte. So gibt es Tierhalter, die ihr Tier lieben und sich engagiert kümmern, ihm aber aus finanziellen Gründen nicht die bestmöglichen Bedingungen geben können. Dann stellt sich die Frage: Was ist besser für das Tier? Das Problem sofort melden mit der Konsequenz, dass das Tier dem Halter weggenommen wird – oder zunächst gemeinsam mit dem Besitzer versuchen, die Umstände zu verbessern?“ Die Diskussion auf dem Leipziger Tierärztekongress lässt laut Cermak verschiedene Meinungen zu Wort kommen und beleuchtet juristische Folgen.

Tierärztliches Handeln reflektieren

Ist eine Behandlung gerechtfertigt, die sich am monetären Wert der Tiere orientiert? Ist die Tötung eines Tieres vernünftig, wenn es nicht mehr produktiv ist, sich die Behandlung „nicht lohnt“? Ist ein Wunschkaiserschnitt vertretbar? Auch solcherart ethischen Fragen werden auf dem Leipziger Tierärztekongress gestellt, unterstreicht Prof. Cermak. „Das veterinärmedizinische Publikum soll sich des eigenen Standpunkts und der eigenen Argumente vergewissern, die eigene Tätigkeit reflektieren und bewusster ausführen. Mir liegt dabei besonders am Herzen, dass das Thema Ethik die gesamte Veranstaltung durchdringt. Denn wir treffen überall auf ethische Fragestellungen. Wenn wir beispielsweise über neue Therapieformen in der Onkologie sprechen, muss ebenso bedacht werden, ob vom Halter gewünschte lebensverlängernde Maßnahmen dem Tier tatsächlich ein Weiterleben ohne Schmerzen und mit Lebensqualität bringen.“

Einschreiten, wenn Zucht zur Qual wird

„Seit 2015 existiert der Ethik-Kodex für Tierärzte – und dieser muss gelebt werden“, betont Dr. Heidemarie Ratsch, Präsidentin der Tierärztekammer Berlin, Vorsitzende der Vortragsveranstaltung „ Ethik-Kodex: Tierbehandlung stets am Wohl der Tiere ausrichten “, die unter anderem die Qualzucht am Beispiel der Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) sowie der Miniaturisierung bei bestimmten Hunderassen anspricht. „Auf dem Leipziger Tierärztekongress nehmen wir dieses Mal den Punkt 3 des Kodex – dass sich die Behandlung am Wohlbefinden der Tiere orientieren soll – in den Fokus. Für mich steht zudem eindeutig fest, dass eine Qualzucht keinen vernünftigen Grund im Sinn des Paragrafen 1 des Tierschutzgesetztes darstellt“, so Dr. Ratsch (Tierschutzgesetz § 1: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“). In dieser Hinsicht müsse noch mehr Bewusstsein geweckt und eingeschritten werden.

Ethik als „roter Faden“

„Gerade bei der Qualzucht dürfen wir nicht nur auf die Heimtiere schauen, sondern sollten verstärkt Tierschutzprobleme bei Nutztieren wie zum Beispiel Hochleistungsmilchkühen beachten“, fordert Dr. Ratsch. Ethik müsse sich „wie ein roter Faden“ durch das tierärztliche Handeln ziehen. „Nirgendwo sollten Widersprüche zum Ethik-Kodex auftreten. Außerdem wünsche ich mir, dass eine Auseinandersetzung mit den Vorgaben des Kodex im Rahmen der Ausbildung an den Universitäten stattfindet. Die jungen Menschen sind bereit, sich für Tierschutzfragen zu engagieren.“

Zu den wesentlichen Ethik-Themen des diesjährigen Kongresses gehöre ebenfalls die Vertretbarkeit von Tierversuchen. „Hier stehen wir oft vor einem Dilemma. Denn die ethische Vertretbarkeit bei Tierversuchen orientiert sich daran, dass das Versuchsziel nur mithilfe von Tierversuchen erreichbar ist. Die ethische Vertretbarkeit des Ziels an sich ist nicht genehmigungsrelevant. Hier braucht es eine klare gesellschaftliche Positionierung, wofür Tierversuche generell nicht akzeptabel sind“, erklärt Dr. Ratsch. „Wenn wir uns als Tierärzte nur auf die Behandlung der Tiere konzentrieren, dann ist das zu wenig. Wir müssen bei unserer Arbeit die Mensch-Tier-Beziehung intensiver berücksichtigen und in Zusammenarbeit mit der Sozialwissenschaft der Frage auf den Grund gehen: Qualzüchtung, Tierversuche ... – warum machen Menschen das mit den Tieren?“

Mehrere Vortragsveranstaltungen des Leipziger Tierärztekongresses befassen sich mit ethischen Fragen: Die tierärztliche Schweigepflicht steht im Mittelpunkt der Session „ Dürfen Tierärzte bei Missständen schweigen? “ unter Vorsitz von Prof. Cermak am 8. Juli 2022 (9.00 bis 12.00 Uhr), unter anderem mit Fragen zu „Was sagt der Ethik-Kodex zur Schweigepflicht?“ und „Garantenpflicht zwischen Whistleblowing und Vetoo“.

Ebenfalls am 8. Juli wird unter Vorsitz von Dr. Ratsch über das Thema „ Ethik-Kodex: Tierbehandlung stets am Wohl der Tiere ausrichten “ diskutiert (14.00 bis 17.30 Uhr), unter anderem mit Vorträgen zu „Brachyzephalie und Miniaturisierung – werden wir Tierärzte zum Reparaturtrupp der Hundezüchter?“ sowie „Gesundheit und Wohlbefinden vs. Kastration und Wunschkaiserschnitt – was ist vertretbar?“ Debattiert wird auch die immer wiederkehrende Frage, wie mit verunfallten oder krank aufgefundenen Tieren, insbesondere Wildtieren, umgegangen werden soll und muss.

Das Symposium „ Ethik und Recht “, dem Dr. Mechthild Wiegard (Freie Universität Berlin, Fachbereich Veterinärmedizin, Institut für Tierschutz, Tierverhalten und Versuchstierkunde) vorsitzt, findet am 9. Juli (9.00 bis 10.30 Uhr) statt und behandelt unter anderem die Prüfung der ethischen Vertretbarkeit von Tierversuchen in Deutschland.

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